Reisebericht von Essen

Die siebte Ausgabe des Festivals NOW! in der Philharmonie Essen hatte das Motto Grenzgänger gewählt.   Die Grenzgänger unseres Beitrags zum Festival stammen fast ausnahmslos aus Skandinavien. Zweimal Schweden,  zweimal Dänemark, auf den ersten Blick, den in den Reisepass. Auf den zweiten Blick ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Ricardo Eizirik ist in Brasilien geboren, dort aufgewachsen und hat lange Zeit in der Schweiz gelebt – jetziger Wohnsitz: Berlin. Loic Destremau hat auch französische Wurzeln, Verwandtschaft in Bordeaux und an der Côte d`Azur. Er will nächstes Jahr einen Masterstudiengang in Deutschland beginnen – Berlin? Simon Steen-Andersen lebt schon lange in Berlin. Der „Klassiker“ unseres Programms, „zu Staub“, welches wir zuletzt 2011 gespielt hatten (zum ersten Mal übrigens schon vor knapp 12 Jahren), ist ein Stück von Mark Andre, Franzose, und dieser lebt übrigens – sie haben es schon erraten – in Berlin. Bleibt Malin Bång, die als waschechte Schwedin noch in Stockholm lebt. Wenn sie diesen Reisebericht liest, wird sie vermutlich über einen Umzug nach Berlin nachdenken müssen.

Begleitet wurden wir auf dieser Konzertreise von einigen Freunden des ensemble recherche. Beate Rieker hatte sich für die Freunde des ensemble recherche e.V. ein Begleitprogramm ausgedacht, Zeche Zollverein, Museum Folkwang und am Samstagabend, dem Vorabend des Konzertes, einen Besuch im „La Grappa“, dem Vorzeigeitaliener in Nähe des Bahnhofs. Dort ist man stolz auf die umfangreichste Weinkarte weltweit. Zu später Stunde, nach Absolvierung des ersten Teils der Generalprobe, stoßen Christian Dierstein, Loic Destremau, Günter Steinke und ich noch zu den gutgelaunten Freunden. Das Essen ist vorzüglich, der frische Weißwein ebenso. Gerade ist der Name Günter Steinke gefallen. Der Ex-Freiburger, mit dem uns eine langjährige Zusammenarbeit und Freundschaft verbindet, ist seit einigen Jahren Professor für Komposition an der Folkwang Musikhochschule in Essen. Ein freudiges Wiedersehen. Und dann am nächsten Tag noch ein überaus freudiges Wiedersehen, nämlich mit Barbara Maurer, die ja nach 28 Jahren an der Recherchebratsche nun in Essen lebt und als Professorin für neue Musik ebenfalls an der dortigen Musikhochschule lehrt.

Nun aber zum Konzert selbst. Antreten mussten wir zur sonntäglichen Mittagsschlafzeit – 14 Uhr. Der zweite Teil der Generalprobe fand am Vormittag statt, dann kurze Mittagspause und anstatt aufs Sofa eben Töne und Höchstkonzentration. Elektronische Töne und Samples (Destremau), durch Vibratoren angeregte Blecheimer- und Blechwannentöne (Eizirik), nach Tafelanschrieb improvisierte Töne (Bång), oder auch mit dem Fahrradschlauch auf Klaviersaiten generierte Quietschtöne, Alufolienrauschklänge und Kaktusnadelknacksertöne (Andre). Dies alles eingebettet in eine Vielzahl normaler Instrumentaltöne. Die trotz Mittagsschlafzeit zahlreich erschienenen Essener und auch unsere Freunde applaudierten begeistert.   Und wie das so ist, nach dem Konzert ist vor dem Konzert, begab sich der Freiburger Reisetross noch am späten Nachmittag Richtung Hauptbahnhof Essen und von da weiter zurück nach Freiburg.